
Shodô & Sumi-e
Shodô (jap. ??, wörtlich: Weg des Schreibens) ist die nach Japan übernommene chinesische Kalligrafie. Die Grundlagen, also die Strichformen, die Schriftzeichen selbst, die Ästhetik, die Schrifttypen Siegelschrift, Kursivschrift (Semi-Kursivschrift), Grasschrift, Kanzleischrift und Regelschrift und die Werkzeuge Papier, Tusche und Pinsel wurden etwa im 6. bis 7. Jahrhundert aus China übernommen.
In der japanischen Kalligraphie kommen zum Zeichenvorrat noch die Silbenschriften Katakana und vor allem Hiragana dazu. Die Hiragana wurden aus Kursivformen chinesischer Schriftzeichen entwickelt.
Der Hauptunterschied liegt aber darin, dass es in Japan keine eigene Schicht von Literaten-Beamten gab, und die Kalligraphie statt dessen von Höflingen in Heian-kyo¯, von buddhistischen Mönchen und später Samurai-Beamten praktiziert wurde. Der feingliedrige, präzise Stil der Literaten unterscheidet sich stark vom impulsiven, minimalistischen Stil der Samurai.
Sumi-e (jap. ??, dt. Tuschebild) ist die Schwarz-Weiß-Kunst der Tuschmalerei (Tusche: jap. Sumi). Sie wurzelt in der asketischen Haltung der ZEN-Mönche und arbeitet mit den sparsamsten Mitteln. Sie will mehr andeuten als aussprechen und ist in ihrer Weltdistanziertheit der Gegenpol zur lebensfrohen Kunst des Yamato-e.
Die Kunst des Sumi-e erfordert eine hochgradige Beherrschung des Materials, denn jeder Pinselstrich auf Seide oder Papier ist unwiderruflich. Dies hat in Ostasien zu einem außerordentlichen Feingefühl für den Ausdruckswert der Linie geführt. Wie die Form eines Schriftzeichens bereits seinen inneren Gehalt zum Ausdruck bringt, so soll die Pinselführung eines Tuschbildes schon sein Wesen ausdrücken. Das Zauberwort der Tuschmalerei heißt "Notan", tiefe und leichte Töne. Von dem Künstler des Sumi-e wird erwartet, dass er mit seiner schwarzen Tusche mindestens den gleichen Reichtum an Tönen zu schaffen vermag wie mit der Fülle bunter Farben. Ein bekanntes Meisterwort lautet: "Wenn man die schwarze Tusche geschickt behandelt, dann ergeben sich die fünf Farben fast von selbst".
Dadurch, dass die Dinge aller Farbe entkleidet sind und aus dem Zusammenhang mit der Umgebung gelöst werden, wird ihre innere, geistige Struktur spürbar, ihr "wirklicher" Charakter erscheint. Je sparsamer die Mittel der Darstellung, je fragmentarischer das Ganze zu werden scheint, desto bedeutender und hintergründiger wird der Ausdruck der Linie; aus den Linien spricht dann etwas, was nicht an den Dingen sichtbar wird, sondern was in und hinter ihnen steht.
